Stephan Gokeler

 

 

Supergau

Heinrich Gruber kann es noch gar nicht fassen: Die Gefängnistore haben sich vor ihm geöffnet, er ist frei. Seine Freude erhält allerdings einen Dämpfer -- niemand erwartet den grauhaarigen Mann, um ihm den Weg zurück ins "normale" Leben zu erleichtern. In einer Kneipe sucht er sich ein Telefon -- wie viele ehemalige Knastbrüder hier schon eingekehrt sein mochten? --, doch seine Frau nimmt nicht ab und bei seinem Schwager kann er nur mit dem Anrufbeantworter sprechen. Also setzt er sich erst einmal, bestellt ein Viertel Wein, und lässt die Ereignisse Revue passieren, die ihn in diese Lage gebracht haben.
Jahrzehntelang war Heinrich Gruber Bürgermeister einer kleinen Gemeinde in Süddeutschland. Bereits als junger Schultes gelang ihm ein unglaublicher Coup: Er konnte durchsetzen, dass ein Energieunternehmen in einem nahe gelegenen Steinbruch einen der ersten deutschen Atommeiler errichtet. Die Steuergewinne waren immens, Kaltenwesten entwickelte sich zu einer der reichsten Ortschaften des Landes. Eine ansehnliche Mehrzweckhalle konnte gebaut, der Ortskern saniert und viele andere Vorhaben verwirklicht werden.

Doch schließlich begeht Heinrich Gruber einen entscheidenden Fehler: Er will mit den angehäuften Gemeindemillionen hohe Gewinne erwirtschaften und lässt sich mit zwielichtigen Spekulanten ein. Dass dabei auch für ihn privat einiges abfällt, ist ihm nicht so wichtig, um das Wohl der Gemeinde ist er besorgt. Aber dieses Mal hat sich der findige Bürgermeister übernommen, der "Supergau" ist unabwendbar.

Stephan Gokeler schreibt als Journalist für verschiedene regionale und überregionale Tageszeitungen, und er versteht sein Handwerk. Supergau ist ein souverän strukturierter Thriller, der ohne ein überflüssiges Wort erzählt, wie ein naiver Lokalpolitiker professionellen Hochstaplern aufsitzt. Dabei wird Gruber keineswegs zum Helden stilisiert -- er baut einfach Mist und bezahlt dafür. Dass der Fall auf einer wahren Begebenheit basiert, ist eher nebensächlich. Die Geschichte wirkt von der ersten Seite an "wahr", und das ist in erster Linie das Verdienst des Autors.